Biomechanische Funktionsdiagnostik bei Erkrankungen der Schulter
Die moderne Orthopädie, Unfallchirurgie und Sportmedizin durchlaufen derzeit einen Wandel. Während die klassische Diagnostik (Röntgen, MRT, CT) primär statische Strukturen abbildet, konzentriert sich die moderne Orthopädie heute verstärkt auf die funktionelle Dynamik und rückt die Betrachtung der Bewegungen des menschlichen Bewegungsapparates in das Zentrum.
Ein Schultergelenk, das im Ruhezustand unauffällig wirkt, kann unter Bewegung pathologische Muster aufweisen, die Schmerzen verursachen. Instabilitäten, Engpasssyndrome (Impingement) oder muskuläre Defizite können erst bei Bewegung auftreten und bei einer rein statischen Beurteilung unentdeckt bleiben. Eine Möglichkeit, diese fehlerhaften Bewegungsmuster aufzudecken, ist die instrumentierte Funktionsanalyse. Mithilfe modernster Technologien wird ein digitales Abbild Ihrer Bewegung und Muskelaktivitäten erstellt.
Anatomische und Biomechanische Grundlagen
Das Schultergelenk ist das beweglichste Kugelgelenk des menschlichen Körpers und stellt somit ein komplexes System dar. Es besteht aus drei Knochen (Oberarm, Schulterblatt und Schlüsselbein) sowie einem komplexen Apparat aus Muskeln und Sehnen – der sogenannten Rotatorenmanschette. Aber auch das Schulterblatt und die Nackenmuskulatur können einen Einfluss auf die Beweglichkeit der Schulter haben.
In der Bewegung vollbringt das Schultergelenk eine biomechanische Höchstleistung, um Stabilität und Mobilität zu vereinen:
- Maximale Mobilität: Sie ermöglicht uns einen enormen Aktionsradius des Arms in alle Raumrichtungen.
- Aktive Stabilität: Da die Gelenkpfanne sehr klein im Verhältnis zum Oberarmkopf ist, muss die Muskulatur das Gelenk in jeder Position aktiv stabilisieren.
Was wird gemessen?
Unsere funktionelle Schulterdiagnostik basiert auf zwei zentralen Säulen:
Kinematik:
Ein wesentlicher Baustein unserer Schulterdiagnostik ist die präzise Erfassung Ihrer Gelenkbewegungen in Echtzeit. Hierfür nutzen wir moderne, kompakte Bewegungssensoren. Diese sogenannten IMUs erfassen über integrierte Beschleunigungssensoren und Gyroskope kontinuierlich lineare Beschleunigungen sowie Rotationsgeschwindigkeiten in drei Dimensionen. Durch die mathematische Verrechnung dieser Daten lassen sich die Orientierung und die räumliche Flugbahn eines Körpers präzise bestimmen. Dies erlaubt komplexe Bewegungsabläufe digital zu rekonstruieren. Die Bewegungssensoren sind ca. 4x3cm klein und werden mithilfe von elastischen Gurten an Ihren Oberarmen und Wirbelsäule fixieren. Während der Analyse registrieren diese Sensoren jede Ihrer Armbewegungen im Raum. Durch die intelligente Verknüpfung der Daten bestimmt unser System Ihre Gelenkwinkel in allen drei Dimensionen. So gewinnen wir ein detailliertes Bild über Ihr Bewegungsausmaß und können selbst kleine Abweichungen sichtbar zu machen, die oft für Engpasssyndrome oder Instabilitäten verantwortlich sind.
Elektromyographie (EMG)
Die Elektromyographie bildet den zweiten Baustein unserer Diagnostik und macht die muskuläre Ansteuerung Ihrer Schulterbewegungen sichtbar. Über spezielle Oberflächenelektroden dokumentieren wir die Aktivität definierter Muskelgruppen, wie der Rotatorenmanschette oder der schulterblattstabilisierenden Muskulatur, während Sie die verschiedenen Armbewegungen ausführen.
Da die Aufnahme parallel zur Gelenkanalyse erfolgt, können wir das Zusammenspiel von Muskelkraft und Bewegung perfekt beurteilen. Wir untersuchen dabei auch die Seitengleichheit, um sicherzustellen, dass Ihre Schulter effizient geführt und durch die Muskulatur aktiv ausbalanciert wird
Ablauf der Analyse
Die Durchführung und Auswertung der Funktionsanalyse folgen einem exakten Standard. Im Folgenden möchten wir Ihnen einmal den Ablauf schildern.
Vorbereitung
Für Ihre Untersuchung bitten wir Sie, ein weiteres T-Shirt oder ärmelloses Top mitzubringen. Sobald Sie sich umgezogen haben, bereiten wir die entsprechenden Hautstellen durch eine kurze Reinigung (Entfettung) und bei Bedarf durch Enthaarung (Rasur) vor. Dieser Schritt ist entscheidend, um eine optimale Signalqualität für die präzise Messung Ihrer Muskelaktivität sicherzustellen. Im Anschluss bringen wir die kabellosen EMG-Elektroden sowie die Bewegungssensoren für Ihre Gelenkwinkel an. Diese werden mit Klebestreifen und elastischen Bändern fixiert.
Kalibrierung
Um präzise Ergebnisse zu erzielen, wird das System vor Beginn der eigentlichen Messung zunächst individuell kalibriert. Die Kalibrierung umfasst die Festlegung einer Ausgangsposition. Dafür bitten wir Sie, kurz ruhig zu stehen und eine entspannte Position einzunehmen.
Bewegungstests
Sie führen definierte Armbewegungen in verschiedene Richtungen aus. Wir testen das Heben, Drehen und spezifische Kraftübungen, um die Belastungssituationen Ihres Alltags oder Sports zu simulieren.
Datenauswertung
Über eine spezielle Software werden die Werte innerhalb von 5 Minuten aufbereitet und in einem übersichtlichen Report zusammengefasst. Die grafische und numerische Darstellungmacht Abweichungen im Seitenvergleich sowie im Vergleich zu Referenzdaten sofort sichtbar. Dieser umfassende Bericht dient uns als Grundlage, um funktionelle Probleme zu identifizieren und Ihren Behandlungsfortschritt objektiv zu dokumentieren.
Besprechung der Ergebnisse
Unmittelbar nach der Auswertung besprechen wir die Ergebnisse gemeinsam mit Ihnen. Ihren persönlichen Analysebericht bekommen Sie im Anschluss ausgehändigt.
Sicherheit
Bei der instrumentierten Funktionsanalyse handelt es sich um ein sicheres Verfahren. In seltenen Ausnahmefällen können die verwendeten Elektrodenpflaster oder die elastischen Fixierungsbänder zu leichten, vorübergehenden Hautreizungen führen. Diese sind jedoch in der Regel harmlos und klingen nach dem Entfernen der Sensoren schnell wieder ab.
Kosten
Bitte beachten Sie, dass die Kosten für diese spezialisierte Diagnostik von den gesetzlichen Krankenkassen aktuell NICHT getragen werden, sodass die Abrechnung auf Selbstzahlerbasis (IGeL) erfolgt. Bei privaten Versicherungen ist die Erstattung im Regelfall sichergestellt. Wir raten dazu, die Kostenübernahme bei Unsicherheiten vorab mit der jeweiligen Versicherung abzustimmen.
Wann ist eine Schulter-Funktionsanalyse sinnvoll?
Verlaufskontrolle nach Rotatorenmanschetten Operation
Nach einer Naht der Rotatorenmanschette zeigt sich nur ein langsamer Fortschritt in der Heilung.
- Analyse: Die Bewegungsanalyse und das EMG erlaubt eine detaillierte Beurteilung des Bewegungsumfanges und der Muskelaktivität im Seitenvergleich. So können muskuläre Dysbalance und pathologische Bewegungsmuster (Kompensation) identifiziert werden.
- Mehrwert: So können objektiv pathologische Muskelaktivitäten identifiziert werden, die dann wiederrum gezielt trainiert werden können.
Instabilität nach einer Luxation
Nach einer Schulterverrenkung fühlen Sie sich bei schnellen Bewegungen unsicher.
- Analyse: Das EMG zeigt, ob die schützende Muskulatur der Rotatorenmanschette im Seitenvergleich deutlich schwächer reagiert.
- Mehrwert: Dies ist die Grundlage für einen Trainingsplan, der die muskuläre Sicherung Ihres Gelenks wiederherstellt.
Return-to-Sport (z. B. Tennis oder Golf)
Nach einer Schulter-OP möchten Sie wieder voll ins Training einsteigen.
- Analyse: Wir vergleichen die Kraftentfaltung und das Zusammenspiel der Muskeln mit der gesunden Seite.
- Mehrwert: Die objektiven Daten geben Ihnen die Sicherheit, ob die Schulter für die hohen Belastungen des Sports bereits symmetrisch belastbar ist