Kniescheibeninstabilität

Was ist eine Kniescheibeninstabilität?

Die Kniescheibe (Patella) gleitet während der Beugebewegung des Kniegelenks von der flachen Vorderseite des Oberschenkelknochens in eine V-förmige knorpelige Rinne, die sog. Trochlea.
Bei einer Kniescheibenverrenkung, der sog. Patellaluxation, springt die Kniescheibe aus diesem Gleitweg, meist nahe der Streckposition und meist nach außen (lateral). In vielen Fällen ist dies traumatisch bedingt, also das Resultat einer akuten Verletzung. In schweren – meist chronischen – Fällen kann es mehrmals pro Woche oder gar mehrmals pro Tag zu Luxationen der Kniescheibe kommen.
Erste Kniescheibenverrenkungen können schon im Kindes- und Jugendalter auftreten, wobei Mädchen häufiger betroffen sind.

Welche Ursachen gibt es für die chronische Kniescheibeninstabilität?

Die häufigste Ursache für eine Kniescheibeninstabilität ist eine fehlerhafte Ausbildung des V-förmigen knorpeligen Gleitlagers der Kniescheibe, die sog. Trochleadysplasie. Bei Vorliegen einer solchen Trochleadysplasie ist die Wahrscheinlichkeit für das Auftreten einer Kniescheibenverrenkung (Luxation) sehr hoch.
Die erste Luxation der Kniescheibe führt meist zu einer Zerreißung des innenseitig gelegenen „Kniescheibenbandes“ (mediales patellofemorales Ligament, MPFL). Eine ausreichende Stabilität dieses Bandes ist ab diesem Ereignis nicht mehr gegeben. Wiederholte Luxationen sind die Folge – die Verletzung wird zu einem chronischen Leiden.
Weitere, seltenere und oft anlagebedingte Ursachen sind beispielsweise eine zu hoch stehende Kniescheibe, X-Beine, eine Drehfehlstellung des Oberschenkelknochens oder ein zu weit außen liegender Ansatz der Kniescheibensehne.

Welche Symptome haben Patienten mit einer Kniescheibeninstabilität?

Patienten mit bekannter Kniescheibeninstabilität leben häufig in  ständiger Angst vor einer drohenden Verrenkung / Luxation. Aufgrund dessen meiden diese Patienten zunehmend jegliche körperliche Aktivität und sind im Alltag massiv eingeschränkt.

Welche Folgen kann eine anhaltende Kniescheibeninstabilität haben?

Die Kniescheibe (Patella) und ihr Gleitlager, die Trochlea, bilden zusammen das Kniescheibengelenk (oder Patellofemoralgelenk). Beide Gelenkpartner sind von dickem Knorpel überzogen, wobei die Kniescheibe den dicksten, im menschlichen Körper vorkommenden Knorpel aufweist. Wenn die Kniescheibe wiederkehrend luxiert, bzw. im weiteren Verlauf der Erkrankung den normalen Bewegungsablauf immer weniger zulässt, so kann dies bereits in jungen Jahren zu einem isolierten Verschleiß dieses speziellen Teils des Kniegelenkes führen (isolierte Patellofemoral-Arthrose).

Welche Behandlungsmöglichkeiten stehen zur Verfügung?

Die primäre Behandlungsform ist immer die konservative, nicht-operative Therapie. Diese wird vor allem im Kindesalter oder bei Luxationen mit primär traumatischer Ursache bevorzugt, wenn angeborene Faktoren, die eine Instabilität begünstigen, nicht vorliegen. Die Behandlung beinhaltet in diesen Fällen das streng einzuhaltende Tragen einer Kniegelenksschiene und eine speziell etablierte Physiotherapie. Die Kniegelenksschiene wird dabei so eingestellt, dass das gerissene innenseitige Kniescheibenband entlastet wird und es in Ruhe heilen kann.
Wenn Zusatzverletzungen des Knorpels oder angeborene Instabilitätsfaktoren vorliegen, dann raten wir frühzeitig zur Operation.
Der häufigste Eingriff ist dann die anatomische Rekonstruktion des innenseitigen Kniescheibenbandes (MPFL) aus einer körpereigenen Sehne von der Innenseite oder der Vorderseite des Oberschenkels.

Nicht selten muss jedoch auch die Fehlbildung der Gleitrinne (Trochleadysplasie) behandelt werden. Dies ist der Fall wenn das Gleitlager nicht nur zu flach, sondern gar verkehrt zur normalen Rinnenform vorgewölbt -also konvex gekrümmt – ist. Dann ist eine alleinige MPFL-Rekonstruktion nicht mehr ausreichend. In diesen Fällen muss eine sog. Trochleaplastik durchgeführt und damit das Kniescheibengleitlager neu geformt werden.

Bei Vorliegen einer Drehfehlstellung des Oberschenkelknochens oder einem zu weit außen liegenden Ansatz der Kniescheibensehne (am Aussenrand der Tuberositas tibiae) müssen sog. Osteotomien durchgeführt werden. Dabei wird der Oberschenkelknochen durchtrennt und in der korrekten Drehstellung wieder fixiert, bzw. , der Ansatz der Kniescheibensehne isoliert knöchern abgelöst und an anatomisch korrekter Position wieder befestigt. Die Knochen heilen dabei in der korrigierten Position wieder fest und behalten diese für das weitere Leben bei.

Die operativen Behandlungsmöglichkeiten der  Kniescheibeninstabilitäten sind äußerst vielfältig und technisch sehr anspruchsvoll. Das betroffene Bein des Patienten muss vorab sorgfältig untersucht und anhand spezieller Bilder genau analysiert werden, um die für den jeweiligen Patienten optimale operative Methode zu finden.
Unser Angebot deckt das gesamte Spektrum der operativen Therapie bei Kniescheibeninstabilität ab: MPFL-Ersatz, Umstellungs-OP, entdrehende Osteotomie, Trochleaplastik, Versatz des Kniescheibensehnen-Ansatzes.

Wie laufen die genannten Operationen ab?

Bei der Rekonstruktion des MPFL verwenden wir entweder die Grazilissehne von der Oberschenkelinnenseite oder einen zarten Streifen der Quadrizepssehne von der Oberschenkelvorderseite. Das eine Ende des Sehnentransplantats wird an der Innenseite der Kniescheibe fixiert, das andere Ende und in einem korrekt platzierten Kanal an der innenseitigen Oberschenkelrolle. Dadurch wird die Bewegungsfreiheit der Kniescheibe nach außen auf ca. 0,5-1cm begrenzt, so dass die Kniescheibe nur noch ca. 0.5 – 1cm nach außen Spiel hat und dann einen definitiven Stop erfährt. Für den MPFL-Ersatz mit Grazilissehne haben wir eine eigene OP-Technik entwickelt und publiziert, mit der die Sehne an der Kniescheibe ohne jegliches Fremdmaterial befestigt werden kann.

Bei der sog. Trochleaplastik wird der Knorpel der „Kniescheibenrinne“ (also der Trochlea) vom darunterliegenden Knochen vorsichtig abgehoben. Das fehlgeformte Knochenbett wird mit Spezialinstrumenten der natürlichen, funktionellen Anatomie entsprechend vertieft.,. Der gehobene, elastisch-formbare Knorpel wird anschließend  wieder in der neu geschaffenen Laufrinne mit speziellen, resorbierbaren Anker-Bandsystemen befestigt (refixiert) und kann in optimierter Form wieder einheilen. Auf diese Weise kann schließlich eine stabile Führung der Kniescheibe erreicht werden.

Durch die oben genannten Osteotomien („Knochenkorrekturen“) kann die geometrische Fehlstellung eines Beines bzw. die Beinachse korrigiert werden. Dazu wird der Oberschenkelknochen mit speziellen Instrumenten an geplanter Stelle geschwächt und seine Achse bzw. Torsion entsprechend einer digitalen Planung korrigiert bzw. optimiert. Die Korrektur wird schließlich durch spezielle Platten-Schraubensysteme fixiert. Auch für die sog. Derotationsosteotomie (Korrektur einer Torsionsfehlstellung bzw. „Drehfehler“) am Oberschenkel haben wir eine spezialisierte Operationstechnik entwickelt und entsprechend publiziert.

Was erwartet den Patienten nach einer  OP?

Bei allen genannten Operationen können die Gehstützen nach 3-4 Wochen wieder abgelegt werden.
Nach einer MPFL-Rekonstruktion, Trochleaplastik oder Tuberositasversatz richtet sich das erlaubte Bewegungsausmaß des Kniegelenks nach einem speziellen Schema, welches darauf abzielt, innerhalb 6-8 Wochen die volle Kniegelenksbeweglichkeit wieder zu erlangen.
Bei den Osteotomien am Oberschenkel ist die Beweglichkeit des Knies unmittelbar nach der Operation völlig unbeschränkt.